Forschungsfragen: Warum Blogger sich entblößen? Ein Zitat von Richard Sennett
23. Januar 2009 von Kristian
Die Frage beschäftigt mich schon lange, warum Blogger oftmals so freizügig in ihren intimen Schilderungen sind? Neben einer Antwort, die dies zu einer grundsätzlichen Generationenfrage macht, bin ich auf ein Zitat von Richard Sennett gestoßen, das einen möglichen Erklärungsansatz liefert:
Das Absterben des öffentlichen Raumes ist eine Ursache dafür, daß die Menschen im Bereich der Intimität suchen, was ihnen in der »Fremde« der Öffentlichkeit versagt bleibt. Isolation inmitten öffentlicher Sichtbarkeit und die Überbetonung psychischer Transaktionen ergänzen einander. Wenn etwa eine Person glaubt, sich in der Öffentlichkeit vor der Beobachtung durch andere mit Schweigen und Isolation schützen zu müssen, dann wird sie das kompensieren, indem sie sich gegenüber denen, mit denen sie in Berührung kommen will, entblößt. 1
- Sennett, Richard (1983): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Aus dem Amerik. von Reinhard Kaiser. 4. Aufl., Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 28-29. ↩

Es ist fast 35 Jahre her, dass Sennetts Buch rauskam. Es war seine Reaktion auf den Wandel im Westen seit den 60ern, u. a. auf die Gegenkultur: “sexuelle Revolution”, informeller Habitus, neue Lebensformen wie Kommunen etc.
Ich denke, einige Phänomene, die er beschreibt, haben sich seitdem noch mal verschoben, schon wegen der Entstehung neuer Berufe und - natürlich - aufgrund der neuen Medien. Und man muss auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern und Städten berücksichtigen.
Berlin als Inszenierung eines “Gegendeutschlands” ist hier wieder ein Extrembeispiel: Einerseits gibt es die “Verwohnzimmerung” (Ausdruck eines FAZ-Autors) aller öffentlichen Orte, Lässigkeit als Imperativ, die der Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes nicht immer nur entgegensteht, sondern sich mit ihr auch verbindet. Anderseits gibt es die sog. Neobürgerlichkeit, die sich althergebrachte Förmlichkeiten probeweise wieder aneignet. Aus ironischem Spiel mit Etikette kann dabei rasch Ernst werden, wie ich in meinem Umfeld beobachten durfte.
Was die Selbstentblößung in sozialen Netzwerken und Blogs angeht, haben sich die von Sennett beschriebenen Tendenzen, glaube ich, verselbständigt und haben dabei z. T. ihre ursprünglichen Intentionen verloren.
Derjenige, der sich im Internet entblößt, tut dies vielleicht weniger, um bürgerliche Konventionen umzustoßen, sein authentisches Ich unter vermeintlich aufgezwungenen Hüllen zum Vorschein kommen zu lassen, sich also “zu befreien”, wie es mal pathetisch hieß. Er tut dies eher, weil er sich konformistisch an anscheinend dort geltende Umgangsformen hält - und weil er im Kampf um Aufmerksamkeit mit anderen in einem Konkurrenzverhältnis steht.
Diese z. T. schon ritualisierte Selbstentblößung hat dabei vermutlich selbst die Funktion einer sozialen Hülle angenommen. Die eigene “Nacktheit” wird nicht mehr als Gegenentwurf einer unpersönlichen bürgerlichen und Warenwelt entgegengehalten, sie ist stattdessen eine Form von Selbstverdinglichung, eine Weise, sich als Produkt zu präsentieren.
(War nur mal ein Versuch, richtig durchdacht habe ich das alles noch nicht.)
@ rp: Ich verstehe Deinen Kommentar als Beschreibung der Blogosphäre folgendermaßen - als ein großer Marktplatz, auf dem die Produkte mit möglichst starken Argumenten beworben werden müssen – das konformistische Argument lasse ich einmal außen vor.
Bei diesem „Kampf um Aufmerksamkeit“ stellt die Selbstentblößung ein probates Mittel für die Eigenwerbung dar. Dies setzt aber zunächst voraus, dass sich der Blogger über diese Mechanismen bewusst ist. Einem gewissen Teil der Blogosphäre ist es sicher zuzutrauen, ich wäre mir hier bei Lieschen aus Kleinstein, die gerade darüber schreibt, dass ihr Freund Schluss gemacht hat, nicht so sicher. Mit diesem „ sich als Produkt zu präsentieren“ unterstellt man ihr zunächst einen Vorsatz. Nehmen wir an, die Geschichte ist mit vielen pikanten Details geschmückt und wird in der Blogosphäre begeistert aufgenommen. Lieschens Besucherzahlen schnellen von fünf 5 auf 5000 hoch, zahlreiche Blogs zitieren ihre Geschichte, der Scheinwerfer ist auf Kleinstein gerichtet – sogar die Lokalzeitung berichtet über die stadtbekannte Bloggerin. In diesem Szenario hätte Lieschen ihr „angebliches“ Ziel erreicht.
Frage: Wird sie ab sofort in ähnlicher Weise selbstentblößende Einträge aus ihrem Privatleben mitteilen?
An dieser Stelle finde ich das Kompensationsargument von Sennett interessant: vielleicht wollte sie sich nur ihren fünf vertrauten Lesern mitteilen. Zuvor war sie ähnlich paradox isoliert und gleichzeitig inmitten der Öffentlichkeit, wie es Sennett mit dem Menschen inmitten der Stadt vergleicht, der von gläsernen Fassaden umgeben ist. Hier ergänzt sich die „Überbetonung“ von Lieschens persönlichem Drama. Vielleicht hat sie die Maske nur heruntergenommen, weil die Blogosphäre für sie eine anonyme Öffentlichkeit darstellt, die paradoxerweise jedoch gleichzeitig durch Isolation ihre „soziale Hülle“- wie Du es beschreibst - schützt. Erfahrungen aus sozialen Netzwerken wie Facebook könnten diese Annahme nähren: ich sehe meine „Freunde“.
In diesem Kontext noch ein aktuelles Zitat von Don Dahlmann: „Dazu kommt, dass sich mein Leben im Netz verändert hat. Das Antville-Blog war nie als persönliches “Aushängeschild” gedacht, sondern ist eine Zeit lang einfach dazu gemacht worden. Was vorher sehr privat war, lasen plötzlich ein Tausend Leute am Tag, was dann schon irgendwann den inneren Zensor aufgerufen hat, was ich wiederum auch bedauert habe“.
[...] mit. Ähnliches gilt übrigens auch für Blogs. Interessant dazu der Beitrag von Blogforscher: “Warum Blogger sich entblössen”. Darin wird Richard Sennett folgendermaßen zitiert: “Das Absterben des öffentlichen Raumes [...]
Naja, ganz so wie der gute Richard das 1983 sah, ist es heute ja nun nicht. Diejenigen, die am meisten über sich bekannt geben, sind ziemlich junge Leute. Meistens noch Schüler. Die würden so oder so nicht groß im “öffentlichen Raum” stehen. Sie nutzen vielmehr eine Möglichkeit, ihre Meinung, ihre Ansichten, ein wenig des während der Pubertät entstehenden “Ichs” zur Schau zu stellen.
Was früher fast ausschließlich über Klamotten, Frisur, Slogans auf Shirts, Mappen, Rucksäcken, Graffittit und dergleichen ging, findet jetzt im Internet eine viel größere Projektionsfläche.
Ich glaube, die meisten von uns hätten das vor 10 oder 20 Jahren genauo gemacht, wenn wir damals schon social networks etc. gehabt hätten.
Krasse Aussage, etwas zu bloggen oder zu kommentieren finde ich persönlich nicht verwerflich bzw. entblösend. Man schreibt sich einfach die Seele leer, besser explodieren wie implodieren.
liebe grüße aus oberbayern