Beispiel einer Definitionsverirrung: Weblog/Blog
25. Juni 2009 von Kristian
Begriffserklärungen zu verfassen ist eine Wissenschaft für sich. Das ist hier durchaus wörtlich zu verstehen (vgl. Lexikographie und Enzyklopädik). Möchte man dann auch noch eine allgemeinverständliche Umsetzung in Form eines Glossars für einen Zeitschriftenartikel verfassen, kann der Eintrag auch zu mehr Verunsicherungen führen, als dieselben zu beseitigen.
Im hochschulanzeiger der Frankfurter Allgemeinen wurde in der Mai-Ausgabe ein Versuch unternommen, 11 Begriffe aus dem Web 2.0 in einem Glossar zu beschreiben. Als erster Eintrag, Sie ahnen es schon, steht Blog/Weblog. Vorab ist anzumerken, dass es das Weblog nicht gibt – eine Definition also schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Aber was soll man antworten, wenn die Frage gestellt wird: Was ist ein Weblog? Es folgt also der Versuch des hochschulanzeigers, der mit ein paar Änderungen, besser hätte gelingen können. Der Eintrag beginnt folgendermaßen:
Weblog ist eine Wortkreuzung aus Web und Log (für >>Logbuch<<).1
Die Wortkreuzung bzw. Kontamination ist in diesem Zusammenhang durchaus korrekt, aber wird hier als deutsche Wortbildung beschrieben. Es sollte meines Erachtens doch zumindest ein Verweis auf das englische „logging“ erfolgen. „Weblog ist eine Wortkreuzung aus Web und logging (für >>to log<< aus dem Engl. >>protokollieren<<). Die Referenz auf das maritime Logbuch, in dem mithilfe des Logs, einem kleinen Holzstück an einer Leine, die Geschwindigkeit des Schiffs gemessen wurde, um sie dann ins Logbuch einzutragen, ist hier durchaus treffend, aber doch eher verwirrend. Schließlich handelt es sich bei Weblog um ein Wortbildungsphänomen im Englischen. Jorn Barger, der sein Treiben als „logging the web“ beschrieb, hatte sicher nicht das maritime Logbuch im Sinn, sondern den englischen Begriff, für den wir im Deutschen das wunderbare Wort protokollieren haben. Bereits dieser Exkurs zeigt doch die Schwierigkeit, komplexe Sachverhalte in einem Satz unterzubringen. Der erste Satz allein hätte mich auch noch nicht motiviert, diesen Eintrag zu schreiben. Bisher könnte man das als kleinlich bezeichnen. Der zweite Satz hat es dann aber in sich:
Es handelt sich dabei um eine Art Tagebuch im Netz, bestehend aus chronologisch geordneten Beiträgen, den sogenannten Postings.
Der Tagebuchvergleich ist für eine erste Annäherung akzeptabel, aber vollkommen falsch ist die chronologische Ordnung. Sie war noch bestimmend für die Online-Tagebücher, hingegen sind Einträge in Blogs umgekehrt chronologisch geordnet – der aktuellste Eintrag steht immer an erster Position bzw. oben.
Warum außerdem der Begriff Posting eingeführt wird, der vor allem bei Newsgroups und Foren Verwendung findet, ist mir unklar. Die Beschreibung als Beitrag oder Eintrag ist dem doch vorzuziehen. Nicht nur, weil es deutsche Begriffe sind, die allgemein in der Blogosphäre benutzt werden. Sie haben auch nicht das zusätzliche Verwirrungspotenzial des Postings. Die Mechanismen von Publikation und Partizipation unterscheiden sich in Weblogs, so dass dies durch den Blog-Eintrag noch zusätzlich unterstrichen wird. Darüber hinaus hat sich das Web seinen Platz im Duden erkämpft. Von daher würde ich diesen etablierten Begriff verwenden. Mein Vorschlag: „Es handelt sich um eine Art Tagebuch zu allen möglichen Themen im Web, bestehend aus umgekehrt chronologischen Beiträgen bzw. Einträgen.“
Der Glossar-Eintrag geht wie folgt weiter:
Meist schreibt der Herausgeber (Blogger) über eigene Erfahrungen und Erlebnisse.
Ich hatte bereits bei meinem vorangegangenen Vorschlag die Bandbreite an Themen eingefügt, um von der Vorstellung eines autobiographischen Schreibens loszukommen. Die Mehrzahl der Blogs sind thematisch gebunden, also „Meist schreibt der Herausgeber (Blogger) über selbst gewählte Themen, die auch eigene Erfahrungen und Erlebnissen enthalten können.“
Weiter:
In den letzten Jahren ist die Zahl der Blogs rasant gestiegen. Ein Grund dafür sind kostenfreie Redaktionssysteme, die das Erstellen eines Blogs kinderleicht machen.
In dem abschließenden Satz verbergen sich gleich zwei Gründe: 1. kostenfrei 2. kinderleicht. Die hohen Kosten entstanden nicht nur durch die Anschaffung eines Computers, sondern auch aufgrund der Internetnutzung. So führte auch die Einführung der Internet-Flatrate bei gleichzeitig wachsenden Download-Raten direkt zum Erfolg des Weblogs bei. Je mehr Internetnutzer, desto mehr potentielle Blogger und auch Blog-Leser. Die vielen Anbieter von Blogsystemen machen das Erstellen eines Blogs so einfach wie das Einrichten eines E-Mail-Kontos. Daneben bieten die sogenannten Selbstinstallationen viel Freiraum, sind aber etwas komplexer. Mein Vorschlag wäre also die etwas selbstbewusstere Formulierung „Die wesentlichen Gründe dafür sind die einfach zu bedienenden Redaktionssysteme mittels einer sogenannten Blogsoftware und die kostenlose Benutzung derselben.“
- Täubner, Mischa/ Eimer, Annick: Studieren 2.0. In: Frankfurter Allgemeine. hochschulanzeiger, Ausgabe 102, Mai 2009, S. 14. ↩
