Die Deutschen zwischen FKK und Google Streetview
14. April 2010 von Kristian
Die re:publica 2010 forderte insbesondere die deutschen Zuhörer am ersten Tag zu einer besonderen Reflexionsarbeit auf. Wie lässt es sich erklären, dass wir uns unbekümmert nackt der Öffentlichkeit am Strand zeigen können, aber Google uns bekleidet auf der Straße in derselben Öffentlichkeit nicht ablichten darf? Jeff Jarvis schüttelt verwundert den Kopf, wenn wir selbst darauf bestehen, dass auf Wikipedia aus Gründen der Privatsphäre die Namen verurteilter Mörder nicht genannt werden sollen.
Unter dem Titel THE GERMAN PARADOXON. PRIVACY, PUBLICNESS, AND PENISES versuchte der Amerikaner Erklärungen zu finden. Was privat und was öffentlich ist, sieht er in der Kultur des jeweiligen Landes begründet.
As a group, Germans are more private than anyone I know.
Dies ist in seinem Blogeintrag vom 11. Februar zu lesen. Glücklicherweise ging Jeff Jarvis Vortrag über die dortigen Ideen hinaus. Im Kern versucht er die allseitige Frage zu beantworten, warum Menschen Intimität im Web äußern. Warum schreiben sie von Dingen, die die meisten auf jeden Fall für sich behalten würden, sich noch nicht einmal vorstellen können, sie im Netz zu veröffentlichen?
Seine Erfahrung, die sich mit meinen Beobachtungen deckt, ist die mitunter sozialstärkende Reaktion von Lesern. Jeff Jarvis verdeutlicht dies am Beispiel einer Intimität, die er dem Web mitgeteilt hat: die Erkrankung an Prostatakrebs.
Viele Kommentatoren waren dankbar, dass dies ausgesprochen wurde, da sie ähnliche Erfahrungen nun teilen konnten. So schrieb Andrew:
My father went through prostate cancer treatment six years ago. While certainly no fun, he is as healthy now as ever. Hope for at least as much for you. Get well soon.
Eine gleichermaßen intime Reaktion „er hat es geschafft, du wirst es auch schaffen” kann in der Art nur von Betroffenen kommen. Dies lässt sich auf nahezu alle Themen der Privatsphäre übertragen. Wo ist nun aber die Grenze zu ziehen? Existiert überhaupt eine Grenze? Jeff Jarvis will niemanden nötigen, im Glashaus zu leben. Er sieht die Grenze zum Beispiel dort, wo durch die Offenbarung eine dritte Person die Kontrolle über ihre Privatsphäre verliert oder auch bei Fragen der Privatsphäre von Kindern, die in jedem Fall geschützt werden muss.
Was kann nun aber passieren, wenn wir Google dazu bringen, bestimmte Bilder der Öffentlichkeit nicht aufzunehmen?
You create a control of what is in public.
Oder mit anderen Worten:
The public owns what’s public.
Wir ermöglichen eine Art Zensur durch die Hintertür. Daher plädiert Jarvis dafür, die Öffentlichkeit zu verteidigen. Denn wer, wenn nicht wir selbst, ist die Öffentlichkeit?
